Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing hat angesichts des Reformdrucks auf Altersvorsorge und Sozialsysteme eine ehrliche Debatte über notwendige Einschnitte gefordert und sich explizit für eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit für Büroangestellte ausgesprochen. In einem Interview mit der »Welt am Sonntag« betonte Sewing, dass insbesondere in Berufen am Schreibtisch über eine Erhöhung der Arbeitsjahre gesprochen werden müsse. Diese Forderung kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die Tragfähigkeit der staatlichen Rentensysteme zunehmend infrage gestellt wird und Reformen unausweichlich scheinen, um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands zu sichern.
Über die Lebensarbeitszeit hinaus regte Sewing an, den Kündigungsschutz für Besserverdienende kritisch zu überdenken und die auffällig hohe Zahl von Krankheitstagen in Deutschland, die im europäischen Vergleich Spitzenwerte erreicht, genauer zu prüfen. Zudem warnte er eindringlich vor den potenziellen politischen und wirtschaftlichen Folgen eines AfD-Ministerpräsidenten nach den Landtagswahlen 2026. Eine Blockade Deutschlands über den Bundesrat durch eine derartige Bewegung könnte laut Sewing verheerende Auswirkungen haben und internationale Investoren abschrecken, was die wirtschaftliche Lage des Landes zusätzlich belasten würde.
Sewing argumentiert, dass Deutschland sich in den kommenden Jahren auf schmerzhafte Einschnitte einstellen muss, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Eine Umfrage der Deutschen Bank zeigt, dass über 80 Prozent der Bevölkerung nicht mehr an die Auskömmlichkeit der staatlichen Rente glauben – ein signifikanter Anstieg. Sewing sieht in einer stärkeren Kapitaldeckung der Altersvorsorge und einer produktiveren Arbeitsgesellschaft zentrale Hebel. Damit schließt er sich ähnlichen Positionen aus der Union an; der CDU-Wirtschaftsrat kritisierte bereits “Lifestyle-Teilzeit” und forderte eine Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit, um Arbeitsangebot und Wachstum zu stärken.
Kritiker aus Opposition, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden kontern, dass der Fokus auf angebliche Arbeitsunwilligkeit von zentralen Problemen wie Qualifizierung, Kinderbetreuung, Digitalisierung und Investitionen in Produktivität ablenke. Wer hohe Krankenstände beklage, müsse auch die Arbeitsbedingungen in Unternehmen hinterfragen. Ein Großteil des Anstiegs der durchschnittlichen Krankentage in Deutschland ist zudem statistisch bedingt: Die elektronische Krankmeldung seit 2022 erfasst kürzere Krankschreibungen vollständiger. Hinzu kommt, dass Erwerbstätige in Deutschland immer älter und damit potenziell auch anfälliger für Krankheiten werden, was die Statistiken beeinflusst.

