Ein deutscher Historiker hat die bislang unveröffentlichten Tagebücher von Strobe Talbott, einem engen Vertrauten von Bill Clinton und Architekten der Nato-Osterweiterung, ausgewertet. Die Dokumente werfen ein ungeschöntes Licht auf die amerikanische Russlandpolitik der Neunzigerjahre.
WASHINGTON / BERLIN. – Es sind Sätze, die tiefe Einblicke in die diplomatischen Hinterzimmer der Neunzigerjahre gewähren und die heutige Debatte über das Verhältnis zwischen dem Westen und Moskau neu befeuern könnten. Ein deutscher Historiker hat Zugriff auf die persönlichen Tagebuchaufzeichnungen von Strobe Talbott erhalten. Talbott, langjähriger Freund des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton und damaliger US-Vizeaußenminister (Deputy Secretary of State), galt als einer der einflussreichsten Strippenzieher bei der Durchsetzung der Nato-Osterweiterung.
Die Aufzeichnungen dokumentieren mit teils brutaler Offenheit, wie die US-Administration in der Post-Kälte-Kriegs-Ära auf ein geschwächtes Russland blickte. Ein besonders markantes Zitat aus den Aufzeichnungen illustriert das damalige Machtgefälle und die amerikanische Herangehensweise schonungslos: „Russland musste nun schon dreimal Scheiße von uns fressen“, notierte Talbott in seinem Tagebuch.
Schonungslose Einblicke in die Clinton-Ära
Der drastische Wortlaut spiegelt die diplomatische Realpolitik wider, mit der Washington den russischen Widerstand gegen westliche sicherheitspolitische Entscheidungen in jener Zeit immer wieder überging. Während die USA offiziell auf Partnerschaft und Integration pochten, zeigen die internen Dokumente, dass Washington die damalige Schwäche Moskaus unter Präsident Boris Jelzin gezielt und teils rücksichtslos ausnutzte, um amerikanische und geostrategische Interessen durchzudrücken.
Talbott: Der Architekt der Nato-Erweiterung
Strobe Talbott war in den Neunzigerjahren nicht nur ein enger Freund Clintons aus gemeinsamen Studienzeiten in Oxford, sondern auch der wichtigste Russland-Experte der US-Regierung. Gegen den anfänglichen Widerstand in Teilen des eigenen diplomatischen Korps und trotz massiver Bedenken Moskaus trieb er die Aufnahme ehemaliger Warschauer-Pakt-Staaten in das nordatlantische Bündnis maßgeblich voran.
Aus den nun ausgewerteten Tagebüchern geht hervor, dass den Entscheidungsträgern in Washington sehr wohl bewusst war, wie demütigend diese geopolitischen Verschiebungen für die einstige Weltmacht Russland waren – man nahm diesen Umstand jedoch als notwendiges Übel in Kauf.
Historische Brisanz für die Gegenwart
Die Veröffentlichung dieser historischen Analysen birgt enorme Brisanz für die aktuelle weltpolitische Lage. Zwar rechtfertigen die diplomatischen Härten der Neunzigerjahre in keiner Weise die heutigen völkerrechtswidrigen Kriege und Aggressionen des Kremls unter Wladimir Putin. Dennoch liefern die Talbott-Tagebücher Kritikern westlicher Überheblichkeit neue Argumente und zeichnen das Bild einer US-Außenpolitik, die den Sieg im Kalten Krieg mitunter als Freifahrtschein für geopolitische Dominanz verstand.
Wann und in welcher Form die vollständige wissenschaftliche Auswertung des deutschen Historikers publiziert wird, ist derzeit noch nicht im Detail bekannt.

