Der ehemalige Tennis-Weltstar Boris Becker hat mit einer leidenschaftlichen Kritik den Deutschen Tennis Bund (DTB) ins Kreuzfeuer genommen und die derzeitige Situation des deutschen Tennis als düster beschrieben. Im Podcast “Becker Petkovic” äußerte der sechsmalige Grand-Slam-Champion deutliche Worte, indem er die aktuelle Spielergeneration mit früheren Zeiten verglich: “Es gab Zeiten, da haben Spieler in diesem Alter Grand Slams gewonnen, jetzt freuen wir uns, wenn ein 19-, 20-Jähriger in die Nähe der ersten 100 kommt.” Becker stellte damit die Frage nach einer möglichen Verschiebung der Ansprüche und zweifelte die sportliche Führung des DTB an. Bereits 2025 hatte er im SPIEGEL die mangelnde Leistungsbereitschaft im Nachwuchs beklagt. Seine Kritik, die auch von Ex-Bundestrainerin Barbara Rittner unterstützt wurde, forderte “Menschen, die wirklich den Stallgeruch haben” an der Verbandsspitze.
Die Kritik Beckers rief im DTB zumindest teilweise Verwunderung hervor. DTB-Sportvorstand Veronika Rücker zeigte sich enttäuscht über das Vorgehen. Sie bedauerte, dass ein Gesprächsangebot des DTB im Vorfeld des Podcasts nicht genutzt wurde und keine der aktuell verantwortlichen Bundestrainer in die Diskussion eingebunden war. Stattdessen sei auf eine “suboptimale Informationsbasis” zurückgegriffen worden. Rücker betonte zudem, dass die herausragenden Erfolge der letzten zwei Jahre keinerlei Berücksichtigung gefunden hätten, was “nicht gerade motivierend für unseren Nachwuchs” sei. Sie vermisste konstruktive Verbesserungsvorschläge in Beckers Ausführungen.
Der Kern von Beckers Kritik zielte auf die Expertise an der Verbandsspitze ab, indem er forderte, dass dort “Menschen mit Stallgeruch” sitzen müssten, die wüssten, wie international trainiert wird. Ironischerweise hatte Becker selbst 2020 seine Aufgabe als Head of Men’s Tennis im DTB aufgegeben. Barbara Rittner, die den DTB im Februar 2024 nach 19 Jahren nicht geräuschlos verlassen hatte, zweifelte zudem die Zielsetzungen im Strategiepapier “TennisDeutschland 2032” an, bezeichnete diese als “Willkürliche Zahlen” und konstatierte: “Es sei schließlich kein Wunschkonzert”. Veronika Rücker zeigte sich darüber “überrascht”, da Rittner bei der gesamten Konzepterstellung dabei und bis zu ihrem Ausscheiden intensiv in jeder Strategiesitzung eingebunden war. Der DTB räumt ein, dass die gewünschte Breite im Profibereich derzeit fehle und betont, die Ursachen lägen in der Vergangenheit – einer Vergangenheit, die auch Becker und Rittner mitgestaltet hätten.
Trotz der düsteren Gegenwart gibt es auch Gründe für Optimismus, insbesondere im deutschen Tennisnachwuchs. Namen wie Max Schönhaus, Niels McDonald (beide Juniorenfinalisten der French Open), Justin Engel, Julia Stusek und weitere junge Talente machen Hoffnung. Allerdings gestaltet sich der Übergang vom Jugend- in den Profibereich derzeit als schwierig. Der DTB setzt sich im Strategiepapier “TennisDeutschland 2032” ambitionierte Ziele: Jeweils acht bis zehn Spielerinnen und -Spieler sollen bis dahin in den Top 100 platziert sein, zusätzlich werden zwei Olympiamedaillen angestrebt. Veronika Rücker bleibt optimistisch: “Wir gehen optimistisch in die Zukunft, da wächst eine sehr gute Generation heran.” Die Debatte verdeutlicht die Herausforderung, die hohen Erwartungen mit der aktuellen Realität und den zukünftigen Talenten in Einklang zu bringen.

