Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat sein Bundesland als potenziellen Standort für ein Pilotprojekt mit einem sogenannten Mini-Atomkraftwerk ins Spiel gebracht. Der CSU-Chef erklärte gegenüber der „Bild am Sonntag“, „Bayern ist bereit für ein Pilotprojekt.“ Söder bekräftigte seine Überzeugung, dass Deutschland zur Kernenergie zurückkehren müsse, und spricht von „Kernenergie 2.0“ – einem neuen Kapitel ohne die früheren Gefahren, das neuartige modulare Kleinreaktoren (SMRs) und Kernfusion umfasse. Er schlägt vor, Atommüll als Brennstoff für diese fortschrittlichen Reaktoren zu nutzen.
Diesem Vorstoß liegt der beschleunigte deutsche Atomausstieg zugrunde, der 2023 mit der Abschaltung des letzten Reaktors endete. Obwohl das Thema Atomkraft in der Bundesregierung umstritten bleibt – Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete den Ausstieg als strategischen Fehler, aber irreversibel – übte Söder scharfe Kritik an der Energiepolitik der ehemaligen Ampelkoalition. Er nannte die Abschaltung der Kernkraftwerke während der Energiekrise einen „schweren Fehler“ und betonte Deutschlands fortwährenden Bedarf an „grundlastfähiger und CO₂-freier Kernkraft.“
Ein zentraler Baustein von Söders Strategie ist die „Transmutation“, die Wiederverwendung von Atommüll als Brennstoff. „Es ist sinnvoller, alten Atommüll zu verbrauchen, anstatt ihn für Millionen Jahre in der Erde strahlen zu lassen“, so Söder. Er fordert den Bund auf, das „Transmutationsgesetz“ zu ändern, um diese Bestände nutzbar zu machen, was perspektivisch die Endlager-Frage lösen könnte. Sogenannte Small Modular Reactors (SMRs), von der IAEA als Kernreaktoren mit weniger als 300 Megawatt Leistung definiert, sollen teils in Fabriken vorgefertigt und vor Ort montiert werden, um Bau- und Stromkosten zu senken.
Die praktische Relevanz von SMRs für die Stromerzeugung ist jedoch unklar. Firmen, die Mini-Atomkraftwerke entwickeln, erlitten immer wieder Rückschläge. Ein Beispiel ist das US-Unternehmen NuScale, dessen Pläne für sechs 77-Megawatt-Reaktoren trotz hoher staatlicher Investitionen im November 2023 abgesagt wurden, nachdem sich die geschätzten Baukosten fast verdoppelten. Selbst Energiekonzerne äußern Skepsis: Markus Krebber, CEO von RWE, erklärte, es sei ungewiss, wann die Technologie kommerziell ausgereift sein wird, und es gebe weltweit keinen Zulieferer, der Bauzeiten und feste Kosten zusagen könnte.

