Die moderne Gesellschaft ringt mit der Frage elterlicher Kontrolle über erwachsene Kinder. Während die Idee einer unendlichen elterlichen Verantwortung tief verwurzelt ist, warnt der bekannte Autor und Familientherapeut Wolfgang Schmidbauer in seinem neuesten Buch “Das animalische Echo” davor, dass ein Festhalten letztlich zum Verlust der Beziehung führen kann. Er fordert Eltern auf, die Illusion der Allmacht loszulassen und eine gesunde Distanz zu entwickeln, die sowohl den Eltern als auch den Kindern Freiheit und Eigenverantwortung ermöglicht. Diese Herausforderung betrifft viele Familien, die sich in einem ständigen Spannungsfeld zwischen Unterstützung und notwendiger Abnabelung befinden.
Schmidbauer zieht Parallelen zum Tierreich, wo die Abnabelung von Nachkommen oft einen klaren und unmissverständlichen Verlauf nimmt. Im Gegensatz dazu tendieren menschliche Eltern dazu, sich weiterhin für die seelischen Zustände und das Wohlergehen ihrer erwachsenen Kinder verantwortlich zu fühlen, selbst wenn diese längst eigene Wege gehen sollten. Diese tief sitzende Überzeugung kann jedoch hinderlich sein und die Entwicklung der Kinder zu selbstständigen Persönlichkeiten beeinträchtigen. Der Familientherapeut betont, dass es nicht darum geht, die Kinder im Stich zu lassen, sondern die Art der Beziehung neu zu definieren.
Der Weg zu einer gesunden Beziehung auf Augenhöhe erfordert von den Eltern, klare Grenzen zu setzen und Verhandlungen zu führen, anstatt Entscheidungen vorwegzunehmen oder sich übermäßig einzumischen. Es geht darum, eine feine Balance zwischen der notwendigen Unterstützung und der Förderung von Eigenverantwortung zu finden. Schmidbauer plädiert dafür, die Vergangenheit nicht zu vergessen, aber die Zukunft aktiv und erwachsenengerecht zu gestalten. Das bedeutet, Anerkennung für die Autonomie der Kinder zu zeigen und ihre Entscheidungen zu respektieren, auch wenn sie nicht immer den eigenen Vorstellungen entsprechen.
Ein anschauliches Beispiel für die Schwierigkeiten dieser Abnabelung lieferte kürzlich die 30-jährige Journalistin Christina Lopinski in der Süddeutschen Zeitung. Zehnmal in zehn Jahren umgezogen, landete ihre Habe wieder im Keller der Mutter – deren Haus liebevoll “Base-Camp” genannt wird. Dieses Szenario, in dem erwachsene Kinder in Krisenzeiten immer wieder Zuflucht bei den Eltern suchen und nie vollständig “ausziehen”, ist weit verbreitet. Schmidbauers Werk bietet hier wertvolle Denkanstöße, wie Eltern und erwachsene Kinder gemeinsam einen Weg finden können, der Bindung erhält, ohne die persönliche Freiheit eines Einzelnen zu opfern.
