Der US-Rüstungskonzern RTX sucht in Deutschland nach Unternehmen, die an der Herstellung von Tomahawk-Marschflugkörpern mitwirken können. Das Ziel ist eine Jahresproduktion von mehr als 1.000 Raketen. Deutsche Firmen gehören zu den möglichen Partnern, wie Camille Wilson, Vizepräsidentin für Anforderungen und Fähigkeiten bei Raytheon, mitteilte. Namen konkreter Unternehmen wurden bislang nicht veröffentlicht.
Die Pläne kommen zu einem Zeitpunkt, an dem Deutschland den Kauf eigener Tomahawk-Raketen vorbereitet. Berlin erwägt die Beschaffung von bis zu 400 Flugkörpern sowie zunächst drei landgestützten Typhon-Startsystemen. Damit könnte die Bundeswehr ihre Fähigkeit verbessern, militärische Ziele über große Entfernungen zu erreichen.
Eine wichtige Grundlage für das Vorhaben wurde im Juli geschaffen. Während des NATO-Gipfels unterzeichneten Deutschland und die USA eine Absichtserklärung. Erste Gespräche über den möglichen Kauf hatten bereits Anfang 2025 begonnen. Die Vereinbarung soll den Weg für weitere Verhandlungen ebnen. Die endgültigen Bedingungen und der Umfang der Beschaffung stehen jedoch noch nicht fest.
Berlin betrachtet die Tomahawk-Raketen als vorübergehende Lösung. Sie sollen der Bundeswehr ermöglichen, strategisch wichtige Ziele tief im russischen Gebiet anzugreifen. Parallel dazu investiert Deutschland in die Entwicklung und Beschaffung weiterer Marschflugkörper. Diese sollen künftig von Land, Schiffen und Flugzeugen aus eingesetzt werden können.
Einige der geplanten Flugkörper könnten auch für zukünftige deutsche Fregatten genutzt werden. Damit würde die Marine zusätzliche Möglichkeiten für weitreichende Einsätze erhalten. Die Beschaffung soll die militärischen Fähigkeiten der Bundeswehr erweitern und verschiedene Waffensysteme in die bestehende Verteidigungsstruktur einbinden.
Die Überlegungen zu eigenen Startsystemen stehen auch im Zusammenhang mit einer Änderung der amerikanischen Planung. Die US-Regierung hatte ursprünglich vorgesehen, Typhon- und Dark-Eagle-Raketensysteme in Deutschland zu stationieren. Washington gab diese Pläne später auf. Berlin prüft deshalb den Erwerb eigener Typhon-Systeme, um über eigene landgestützte Abschussmöglichkeiten zu verfügen.
Die Bundesregierung strebt erste Lieferungen für 2029 an. Dieser Zeitplan könnte allerdings schwer einzuhalten sein. Die Produktionskapazitäten in den USA sind begrenzt. Gleichzeitig muss das amerikanische Militär seine eigenen Bestände wieder auffüllen. Die zusätzliche Nachfrage aus dem Ausland könnte die vorhandenen Lieferketten weiter belasten.
RTX hat bereits Maßnahmen ergriffen, um die Fertigung auszuweiten. In der ersten Hälfte des Jahres 2026 lieferte das Unternehmen dreimal so viele Tomahawk-Raketen wie im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres. Auch bei wichtigen Bauteilen wurden Fortschritte erzielt. Berichten zufolge stieg deren Produktion innerhalb dieses Zeitraums um mehr als 90 Prozent.
Am 17. August kündigten RTX und das US-Verteidigungsministerium eine mehrjährige Rahmenvereinbarung im Wert von 22,9 Milliarden US-Dollar an. Sie umfasst die Produktion und Lieferung von Tomahawk-Marschflugkörpern. Das Abkommen soll die amerikanischen Vorräte auffüllen, die während des Konflikts mit dem Iran beansprucht wurden. Zugleich soll es die Fähigkeit der US-Streitkräfte für Angriffe über große Entfernungen stärken.
Die USA bleiben der wichtigste Kunde für das Waffensystem. Dennoch könnten zusätzliche Produktionsmengen auch an internationale Käufer geliefert werden. Dadurch wird der Ausbau der Fertigung für den US-Konzern besonders wichtig. Neue Zulieferer könnten helfen, die Produktion zu steigern und Engpässe bei einzelnen Komponenten zu verringern.
Mehrere verbündete Staaten nutzen bereits Tomahawk-Raketen. Australien, Japan und die Niederlande erhalten die Flugkörper über das amerikanische Foreign Military Sales-Programm. Großbritannien hatte zuvor ebenfalls die UGM-109-Version gekauft. Diese internationalen Bestellungen zeigen, dass die Nachfrage nicht allein vom amerikanischen Militär ausgeht.
Für deutsche Unternehmen könnte die Suche von RTX neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen. Eine Beteiligung an der Produktion würde jedoch von technischen Anforderungen, verfügbaren Kapazitäten und den Bedingungen möglicher Verträge abhängen. Bisher ist nicht bekannt, welche Firmen in Deutschland für eine Zusammenarbeit ausgewählt werden könnten.
Auch für die Bundesregierung bleiben mehrere Punkte ungeklärt. Dazu zählen die endgültige Zahl der Raketen, die Kosten und die konkreten Lieferbedingungen. Zudem muss sich zeigen, ob RTX seine Produktionsziele rechtzeitig erreicht.
Die geplante Zusammenarbeit verbindet damit zwei industrielle und militärische Interessen. RTX benötigt zusätzliche Produktionskapazitäten, während Deutschland seine Fähigkeiten für weitreichende Einsätze ausbauen möchte. Ob deutsche Firmen künftig an der Herstellung der Tomahawk-Raketen beteiligt sein werden, dürfte sich erst im weiteren Verlauf der Gespräche zeigen.

