Ein Moskauer Gericht hat den deutschen Karnevalisten und Bildhauer Jacques Tilly in dessen Abwesenheit zu einer Haftstrafe von acht Jahren und sechs Monaten verurteilt. Tilly wurde der Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte sowie der Verletzung religiöser Gefühle für schuldig befunden. Zusätzlich zur Gefängnisstrafe wurde eine Geldstrafe von rund 2.000 Euro und ein vierjähriges Arbeitsverbot verhängt. Die Staatsanwaltschaft hatte neun Jahre Haft gefordert, wobei Richter in Russland bei politischen Delikten selten von den Forderungen der Anklage abweichen und Freisprüche äußerst selten sind. Diese Gerichtsentscheidungen werden international als Willkürjustiz kritisiert und die zugrunde liegenden Gesetze wurden nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine 2022 eingeführt, um Kriegsgegner zu inhaftieren. Tilly selbst hatte mehrfach betont, von der russischen Justiz nicht über das Verfahren informiert worden zu sein, obwohl Diplomaten der deutschen Botschaft den Prozess beobachteten.
Nach Bekanntwerden des Urteils äußerte Jacques Tilly, das russische Regime mache sich selbst zum Narren und habe Angst vor satirischer Kritik. Er betonte, es sei eine Selbstverständlichkeit, Kritik an Machthabern zu üben, und er werde seine Arbeit durch das Urteil nicht beeinflussen lassen. Auch die deutsche Botschaft in Moskau verurteilte das Urteil scharf. Botschafter Alexander Graf Lambsdorff erklärte, es zeige die unverminderte Kriminalisierung und Verfolgung freier Meinungsäußerung durch die russische Regierung. Die Botschaft werde sich weiterhin für Meinungs- und Kunstfreiheit sowie die Freiheit der Satire einsetzen. Tillys Verteidigerin hatte vergeblich versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen, und beklagte, seine Position sei vor Gericht nicht gehört worden.
Jacques Tilly ist bekannt für seine bissig-satirischen Mottowagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug, die regelmäßig international für Aufsehen sorgen. Mehrfach nahm er den russischen Staatschef Wladimir Putin aufs Korn. Beim diesjährigen Rosenmontagszug thematisierte er den Prozess gegen sich selbst mit einem Wagen, der Putin im Kampf mit dem Hoppeditz zeigte. Frühere Wagen zeigten Putin beispielsweise im Kontext eines „Hitler-Stalin-Pakts 2.0“ mit Donald Trump, der den ukrainischen Präsidenten Selenskyj zerquetschte, oder Putin in einer blutgefüllten Badewanne in den Farben der Ukraine. Der Vorwurf der Verletzung religiöser Gefühle basierte auf einem Karnevalswagen von 2024, der Putin und Patriarch Kirill beim Oralverkehr darstellte, wozu drei Zeuginnen vor Gericht aussagten. Weitere Anschuldigungen umfassten die „Propaganda von Homosexualität“ und „Hass auf Russen“.
Eine Auslieferung nach Russland muss Jacques Tilly aus Deutschland nicht befürchten. Das Urteil könnte jedoch Konsequenzen für Reisen haben: Sollte Russlands Justiz ihn zur Fahndung bei Interpol ausschreiben, könnte er Probleme bei Reisen in Länder bekommen, die russische Straftäter ausliefern. Der Fall Tilly unterstreicht die zunehmende Einschränkung der Meinungs- und Kunstfreiheit in Russland und die internationale Kritik an der Anwendung politisch motivierter Justiz. Trotz des Urteils bleibt Tilly bei seiner Haltung, seine satirische Arbeit fortzusetzen und die Machthaber weiterhin kritisch zu hinterfragen, unterstützt von der deutschen Diplomatie.
