Die AfD ist mit einem sich ausweitenden Vetternwirtschaftsskandal konfrontiert, der nun weit über Sachsen-Anhalt hinausgeht. Immer mehr AfD-Politikern wird vorgeworfen, Verwandte von Parteifreunden zu beschäftigen, was Fragen der Transparenz und ethischen Führung innerhalb der Partei aufwirft. Die jüngsten Enthüllungen rücken prominente Persönlichkeiten ins Rampenlicht, darunter Markus Frohnmaier, der Spitzenkandidat der AfD für die bevorstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg, und sogar der Bundesvorsitzende Tino Chrupalla. Diese sich ausweitende Affäre droht, die Agenda der Partei vor wichtigen Regionalwahlen zu überschatten, und stellt eine erhebliche interne Herausforderung dar, die zu Forderungen nach Klärung aus den eigenen Reihen führt.
Markus Frohnmaier, selbst stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion, wies die Vorwürfe der Vetternwirtschaft zurück, nachdem bekannt wurde, dass seine Ehefrau im Bundestagsbüro von Johann Martel, einem weiteren AfD-Mitglied aus Baden-Württemberg, arbeitet. Während Anton Baron, Fraktionschef der AfD im baden-württembergischen Landtag, die Legalität der Beschäftigung von Verwandten von Parteifreunden anerkannte, räumte er ein, dass dies ein „Geschmäckle“ habe. Der Bundesvorsitzende Tino Chrupalla hatte zuvor denselben Begriff für Überkreuzbeschäftigungen verwendet. Nun wurde bekannt, dass Chrupalla die Ehefrau des sächsischen Landtagsabgeordneten Roberto Kuhnert in seinem Wahlkreisbüro beschäftigt, wobei Chrupalla angibt, sie habe die Tätigkeit aufgenommen, bevor ihr Ehemann in den Landtag einzog. Die AfD in Sachsen-Anhalt weist die Vetternwirtschaftsvorwürfe als „absurd“ zurück und behauptet, Stellen würden nach Leistung, Abschluss, Vertrauen, Zuverlässigkeit und Fähigkeit vergeben.
Besonders brisant ist der Fall des einflussreichen AfD-Landtagsabgeordneten Tobias Rausch. Drei seiner Geschwister sollen bei einer AfD-Bundestagsabgeordneten aus Sachsen-Anhalt arbeiten, ein Schwager bei einem weiteren Bundestagsabgeordneten, sein Vater ist Landtagsabgeordneter. Seine Ehefrau arbeitet in der Landtagsfraktion, und ein weiterer Bruder ist in Rauschs Immobilienfirma tätig, die die Wahlkreisbüros des Landtagsabgeordneten und seines Vaters verwaltet. Zwei Familienangehörige des AfD-Landesvorsitzenden Martin Reichardt sowie die Ehefrau seines Stellvertreters Hans-Thomas Tillschneider sollen zudem für den Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt gearbeitet haben. Diese drei – Rausch, Tillschneider und Reichardt – gehörten Schmidts „Pokerrunde“ an, einer Gruppe, die den Landesverband jahrelang lenkte, bis ein jüngster Bruch zu einem Parteiausschlussverfahren gegen Schmidt führte, der sich vehement wehrt und mit der Preisgabe brisanter Informationen droht.
Die Eskalation in Sachsen-Anhalt war kürzlich auch Thema einer Sitzung des AfD-Bundesvorstands. Der stellvertretende Bundesvorsitzende Kay Gottschalk versuchte, als „Mediator“ zwischen Schmidt und seinen Gegnern zu vermitteln, stieß jedoch bei der Landesführung auf keine Akzeptanz und brach seine Bemühungen mangels Erfolgsaussichten ab. Als Reaktion darauf plant der Landesverband die Einsetzung einer „Kommission für Verhalten im parlamentarischen Betrieb“, die aktuelle Arbeitsverhältnisse prüfen, Verhaltensrichtlinien erarbeiten und eine Verschärfung der gesetzlichen Vorschriften vorbereiten soll. Weiterhin brisant für den Landesverband ist, dass auch der Vater von Ulrich Siegmund, dem AfD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 6. September, im Bundestag arbeitet und dort zeitweilig 7.725 Euro bei dem sachsen-anhaltischen AfD-Bundestagsabgeordneten Thomas Korell verdient haben soll. Mitglieder fordern die AfD-Spitze in einem Brief zur Aufklärung der Verwandtenaffäre auf, da die größte Gefahr für die Partei vor der Landtagswahl derzeit nicht ihre Gegner seien.

