Die Alternative für Deutschland (AfD) hat sich bei jüngsten Wahlen als dominante Kraft unter Arbeitern etabliert. Mit einem erheblichen Zuwachs an Stimmen in dieser Wählergruppe, wie die 39 Prozent in Rheinland-Pfalz belegen, beansprucht AfD-Bundessprecherin Alice Weidel selbstbewusst den Titel der „Arbeiterpartei“ für ihre Partei. Diese Selbstdarstellung zielt darauf ab, Arbeitern, die sich von etablierten Parteien vergessen fühlen, eine neue politische Heimat zu bieten und das Versprechen zu vermitteln, sich um ihre Belange zu kümmern. Der Erfolg bei dieser Wählergruppe steht im starken Kontrast zu einer Politik, die auf den ersten Blick nachteilig für viele Arbeiter erscheinen mag.
Arbeitssoziologe Klaus Dörre von der Universität Kassel widerspricht vehement der Annahme, die AfD sei eine Arbeiterpartei im klassischen Sinne. Eine traditionelle Arbeiterpartei zeichne sich durch Gewerkschaftsnähe, den Einsatz für Tarifverträge, Industriepolitik und soziale Sicherheit aus – Werte, die die AfD laut Dörre nicht vertritt. Stattdessen verfolge die Partei ein “marktradikales Programm”. Konkrete Beispiele untermauern diese Einschätzung: Obwohl die AfD den Mindestlohn im Wahlprogramm verankerte, enthielt sie sich bei dessen Erhöhung. Zudem stimmte sie im Bundestag gegen das Tariftreuegesetz und plant die Abschaffung der Bundesagentur für Arbeit. Eine Analyse des Leibniz Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt zudem, dass die Steuerpolitik der AfD vor allem Gutverdiener entlasten würde, während Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen kaum profitieren.
Die AfD betrachtet Gewerkschaften offen als Gegner. Gerrit Huy, arbeitspolitische Sprecherin der AfD-Bundestagsfraktion, kritisiert Gewerkschaften für die Vertretung von Klimaideologien, internationale Migrationsbewegungen und sogar für das “Inszenieren” von Demonstrationen zur Forderung höherer Löhne, was sie als Problem zu betrachten scheint. Trotz dieser konfrontativen Haltung und des deutlichen Widerstands des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der die AfD als “Feind der Gewerkschaften” bezeichnet, wählen überraschend viele Gewerkschaftsmitglieder die AfD. Ein paradoxes Bild ergibt sich bei Betriebsratswahlen, wo AfD-nahe Listen oder ähnliche Organisationen kaum Erfolge erzielen und Arbeiter stattdessen jene unterstützen, die sie konkret bei Tarifverhandlungen und Streiks vertreten.
Die Gründe für die Diskrepanz zwischen politischer Ausrichtung und Wählerverhalten sind vielschichtig. Klaus Dörre unterscheidet zwischen “Protestwählern”, die Angst um ihren sozialen Status haben und die aktuelle Klima- und Wirtschaftspolitik als Bedrohung empfinden, sowie einer wachsenden Gruppe von “Überzeugten”. Letztere glauben der AfD-Erzählung, die die soziale Frage des 21. Jahrhunderts von einem Konflikt zwischen “oben und unten” in einen zwischen “innen und außen” umdeutet, wobei die Angst vor Ausbeutung durch Zuwanderer und Flüchtlinge geschürt wird. Die AfD hat dieses Wählerpotenzial erkannt und versucht gezielt, die Meinungsführerschaft in Betrieben zu übernehmen, indem sie Gewerkschaften diskreditiert und ihr politisches Engagement in Frage stellt. Die AfD möchte eine Arbeiterpartei sein, bleibt aber hinter diesem Anspruch zurück, indem sie die tatsächlichen Interessen ihrer Wähler in wichtigen Belangen ignoriert.

