Deutsches Rotes Kreuz (DRK) Präsident Hermann Gröhe hat eindringlich vor erheblichen Defiziten im deutschen Bevölkerungsschutz gewarnt. Angesichts wachsender Sicherheitsrisiken und jüngster Krisen wie Hochwasser oder Stromausfällen sei der aktuelle Schutz der Bevölkerung “völlig unterfinanziert”. Gröhe forderte im Interview mit dem “Tagesspiegel” vehement eine zusätzliche Milliarde Euro für diesen existenziell wichtigen Bereich. Er betonte, dass ein leistungsfähiger Bevölkerungsschutz auch für die Verteidigungsfähigkeit des Landes unerlässlich sei, und mahnte einen “gewaltigen Nachholbedarf” an, der nur durch einen nachhaltigen Kraftakt auf allen politischen Ebenen zu bewältigen sei.
Gröhe kritisierte scharf die Inkonsistenz politischer Forderungen: Es sei widersprüchlich, “mit markigen Worten eine zeitnahe Herstellung der ‚Kriegstüchtigkeit‘ anzumahnen”, wenn gleichzeitig der Schutz der eigenen Bevölkerung nicht mit gleicher Entschlossenheit vorangetrieben werde. Dieser Zusammenhang gewinnt an Bedeutung vor dem Hintergrund neuer Zweifel an der Verlässlichkeit der USA in der NATO und aktuellen Forderungen nach gemeinsamen EU-Militärübungen. Der DRK-Präsident stellte klar: Ohne einen robusten Bevölkerungsschutz gebe es keine echte Verteidigungsfähigkeit, da beide Bereiche untrennbar miteinander verbunden sind.
Besondere Schwerpunkte sieht Gröhe in der Stärkung der Resilienz von Krankenhäusern, die krisenfester werden müssten. Ebenso entscheidend sei die Verbesserung der Einsatzbereitschaft Ehrenamtlicher durch mehr Wissen, bundesweit klare Regelungen und umfassende Unterstützung. Der DRK-Präsident warnte eindringlich vor bürokratischen Hürden: “Für Zuständigkeitsstreitereien zwischen Bund und Ländern haben wir keine Zeit.” Es gehe hierbei maßgeblich um Katastrophenvorsorge; denn “tritt der Krisenfall erst ein, ist es für Vorsorge zu spät.” Daher seien auch erheblich mehr Mittel für Erste-Hilfe-Kurse mit Selbstschutzinhalten im Bundeshaushalt bereitzustellen, um die allgemeine Widerstandskraft der Gesellschaft zu stärken.
Der DRK-Präsident monierte zudem, dass zusätzliche Mittel für den Bevölkerungsschutz bisher primär Bundesbehörden oder dem Technischen Hilfswerk (THW) zugutegekommen seien. Die anerkannten Hilfsorganisationen wie das DRK, deren Ehrenamtliche im Ernstfall einen Großteil der Arbeit leisten müssten, seien jedoch bislang nicht ausreichend berücksichtigt worden. Gröhe verlangt eine faire Verteilung der Mittel, damit die Freiwilligen nicht mit veraltetem Gerät aus den Zeiten ihrer Eltern oder gar Großeltern üben müssen. Diese Ungleichbehandlung müsse dringend behoben werden, um die Leistungsfähigkeit der gesamten Katastrophenhilfe zu gewährleisten.

