Mediatisierte sexualisierte Gewalt nimmt im digitalen Raum alarmierend zu und betrifft eine wachsende Zahl von Menschen. Expertin Katharina Kärgel definiert diese Form der Gewalt als die gezielte Verletzung sexueller Selbstbestimmung einer Person unter Einsatz digitaler Medien. Die Online-Verbreitung intimer Bilder oder manipulierter Pornos erzeugt bei Betroffenen ein tiefes Gefühl der Hilflosigkeit und des Missbrauchs. Kärgel betont die Notwendigkeit, diese neue Dimension der Gewalt ernst zu nehmen und ihre weitreichenden Auswirkungen auf Einzelpersonen und die Gesellschaft zu verstehen. Die schnelle Verbreitung von Inhalten im Internet macht diese Gewalt besonders perfide, da der Kontrollverlust für die Opfer immens ist und die Inhalte oft schwer wieder aus dem Netz zu entfernen sind.
Fälle wie der Diebstahl von Identitäten und die Verbreitung von Deepfake-Pornos, wie bei Collien Fernandes geschehen, verdeutlichen die extreme Schwere dieser Übergriffe. Wenn eigene Nacktbilder oder durch KI erstellte Pornos im Internet auftauchen, erleben Betroffene dies als eine massive Verletzung, deren Belastung Kärgel sogar mit der einer physischen Vergewaltigung vergleicht. Die Folgen sind oft langanhaltend und tiefgreifend, insbesondere für Kinder und Jugendliche, deren Entwicklung und Selbstwertgefühl nachhaltig geschädigt werden können. Scham, Angst, Depressionen und soziale Isolation sind häufige Reaktionen, die eine professionelle Unterstützung unerlässlich machen. Es ist entscheidend, Opfern ohne Schuldzuweisungen beizustehen und präventive Maßnahmen zu stärken.
Katharina Kärgel, die maßgeblich an der Entwicklung von Handlungsempfehlungen zum Umgang mit mediatisierter sexualisierter Gewalt beteiligt war, erläutert den Sammelbegriff präzise. Er umfasst alle verletzenden Handlungen, bei denen eine Person ihre eigenen Bedürfnisse absichtsvoll gegen die sexuelle Selbstbestimmung einer anderen Person durchsetzt und digitale Medien eine zentrale Rolle spielen. Hierbei unterscheidet Kärgel zwischen zwei Rollen digitaler Medien: als “Hilfsmittel” oder als “Tatkontext”. Digitale Medien als Hilfsmittel dienen beispielsweise dazu, über soziale Netzwerke Kontakte anzubahnen und physische Übergriffe vorzubereiten. Die eigentliche Gewalttat findet dann offline statt, wurde aber digital initiiert.
Als Tatkontext fungieren digitale Medien, wenn die Gewalt ausschließlich im digitalen Raum stattfindet. Dies beinhaltet ein breites Spektrum von Übergriffen, darunter das Zirkulieren sexualisierender Bild- oder Videoaufnahmen in privaten Chats, die Veröffentlichung intimer Inhalte ohne Zustimmung oder die ungewollte Konfrontation mit pornografischem Material. Auch sexualisierende Kommentare auf Plattformen wie Instagram fallen unter diese Kategorie. Kärgel hebt hervor, dass die scheinbare Anonymität des Internets Täter oft dazu ermutigt, Grenzen zu überschreiten, während die Opfer mit den sichtbaren und unsichtbaren Narben dieser digitalen Übergriffe allein gelassen werden. Eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit und verbesserte rechtliche Rahmenbedingungen sind unerlässlich, um Betroffene besser zu schützen und Tätern Einhalt zu gebieten.
