Der Einwortsatz “Selber” ist für viele Eltern eine Stressquelle, doch er steht für einen entscheidenden Entwicklungsschritt von Kindern. Entwicklungspsychologe Moritz Daum erklärt in der Serie “Familienrat”, warum es essenziell ist, Kindern Autonomie zu ermöglichen. Eltern ringen oft zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Loslassen. Die Balance zwischen Unterstützung und Freiraum zu finden, ist eine der größten Herausforderungen. Moderne Erziehung, manchmal geprägt von überbehütenden Tendenzen, rückt die Frage nach dem richtigen Maß an Eigenständigkeit und elterlicher Intervention verstärkt in den Fokus.
Das Streben nach Selbstständigkeit beginnt bereits um den ersten Geburtstag. Sobald Kinder mobil werden, entdecken sie die Welt aktiv und erkennen ihre Fähigkeit, Dinge selbst zu erreichen – der Startpunkt der Autonomieentwicklung. Dieses frühe Bedürfnis baut auf dem im ersten Lebensjahr entwickelten Urvertrauen auf. Die oft gefürchtete “Terrible Two”-Phase ist kein negativer Trotzanfall, sondern ein natürlicher Ausdruck dieses tiefsitzenden Wunsches nach Unabhängigkeit und Selbstwirksamkeit. Es ist eine Phase des intensiven Ausprobierens und des Lernens durch eigenes Handeln.
Die Herausforderung für Eltern liegt darin, dieses Autonomiebestreben zu unterstützen, ohne die Sicherheit der Kinder zu vernachlässigen. Überbehütung, wie sie bei “Curling-Eltern” zu sehen ist, die ihren Kindern alle Hindernisse aus dem Weg räumen, kann kontraproduktiv sein. Moritz Daum warnt, dass dies die Entwicklung der kindlichen Selbstwirksamkeit beeinträchtigen kann. Kinder, denen zu viele Entscheidungen abgenommen werden oder die selten aus eigenen Fehlern lernen dürfen, entwickeln möglicherweise weniger Vertrauen in ihre Fähigkeiten und verpassen den Aufbau von Resilienz – der Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen.
Ein ausgewogenes Maß an Autonomie-Förderung ist daher entscheidend. Es geht darum, altersgerechte Freiräume zu schaffen, in denen Kinder experimentieren und Erfahrungen sammeln können. Eltern sollten eine sichere Basis bieten, von der aus Kinder die Welt erkunden. Pragmatische Interventionen (“Das kannst du nicht, ich mach das”) sind bei akuten Gefahren oder unlösbaren Aufgaben manchmal notwendig. Wichtiger ist jedoch, wann immer möglich, das “Selbermachen” zu erlauben und den Kindern die Botschaft zu vermitteln: “Ich vertraue dir, dass du das schaffst.” Diese Haltung fördert nicht nur die Selbstständigkeit, sondern stärkt auch Selbstbewusstsein und Anpassungsfähigkeit.
