Tausende Menschen haben sich in Berlin versammelt, um gegen sexualisierte digitale Gewalt zu protestieren und eine umfassende Reform der Gesetzgebung zu fordern. Unter dem prägnanten Motto “Die Scham muss die Seiten wechseln” füllten Demonstranten den Pariser Platz am Brandenburger Tor. Der Protest, zu dem das neu gegründete Bündnis “Feminist Fight Club!” aufgerufen hatte, wurde durch die jüngsten Vorwürfe gegen den bekannten TV-Produzenten Christian Ulmen ausgelöst. Seine Ex-Frau, die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes, hatte öffentlich gemacht, dass über Jahre hinweg Fake-Profile mit ihrem Namen und Gesicht erstellt wurden, um Männer aus ihrem beruflichen Umfeld zu kontaktieren und ihnen angebliche Nacktfotos und Sexvideos von ihr zuzuschicken. Diese Enthüllungen, die zuerst vom Spiegel berichtet wurden, haben eine breite Debatte über die Verbreitung und die tiefgreifenden Auswirkungen digitaler Gewalt entfacht.
Auf der Demonstration sprachen mehrere prominente Stimmen über ihre eigenen Erfahrungen mit digitaler Gewalt. Die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer berichtete eindringlich davon, wie sie seit fünf Jahren Polizeischutz benötigt, da sie von Männern bedroht und digital sowie vor Ort gestalkt wird. Sie enthüllte, dass das Internet voll von sexualisierten Fakebildern von ihr sei, die von kontrollsüchtigen Männern mit Gewaltfantasien erstellt wurden. Neubauer betonte die Dringlichkeit von Gesetzen, die konsequent die Opfer schützen und nicht die Täter. Auch Theresia Crone, eine weitere Klimaschutzaktivistin, schilderte die anhaltende Natur digitaler Gewalt: “Digitale Gewalt endet nicht so richtig. Sie bleibt in den Suchmaschinen, in den Köpfen.” Sie erzählte von einem Fake-Profil mit ihrem Namen und Gesicht, das sexuelle Situationen und Gewalt darstellte, und kritisierte die langsame und unzureichende Bestrafung der Täter, obwohl solche Fälle tausendfach vorkommen.
Die einhellige Forderung der Demonstranten war die nach einer dringenden Reform des Cyberstrafrechts, um bestehende Strafbarkeitslücken zu schließen und Opfern besseren Schutz zu bieten. Die Verfasser des Slogans “Die Scham muss die Seiten wechseln” zielen darauf ab, das Stigma von den Opfern zu nehmen und es den Tätern aufzuerlegen, eine Botschaft, die ursprünglich von der Französin Gisèle Pelicot nach ihrem öffentlichen Prozess populär gemacht wurde. Collien Fernandes selbst hatte im Vorfeld der Demonstration auf Instagram zur Teilnahme aufgerufen und dabei betont: “Sexuelle Gewalt, physische und psychische Gewalt sind weiter verbreitet, als man ahnen mag. Sie finden statt, in der Mitte unserer Gesellschaft.” Diese Mobilisierung unterstreicht das wachsende Bewusstsein und den Willen, aktiv gegen diese Form der Gewalt vorzugehen.
Auf Bundesebene hatten Union und SPD bereits in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, das Cyberstrafrecht zu reformieren und explizit “bildbasierte sexualisierte Gewalt” – einschließlich Deepfakes – zu erfassen. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig hat angekündigt, noch im Frühjahr einen entsprechenden Gesetzentwurf vorzulegen, was die Dringlichkeit der Situation auf politischer Ebene widerspiegelt. Indessen hat Christian Ulmens Anwalt, Christian Schertz, rechtliche Schritte gegen die Berichterstattung über seinen Mandanten angekündigt. Er bezeichnete die Berichterstattung in “großen Teilen als unzulässige Verdachtsberichterstattung” und die Verbreitung von “unwahren Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung”. Die Debatte um die Vorwürfe und die rechtlichen Konsequenzen verspricht, weiterhin im öffentlichen Fokus zu stehen, während der breite Protest die Notwendigkeit von gesellschaftlichem Wandel und rechtlicher Anpassung untermauert.
