Der Prozess um das verheerende Zugunglück in Griechenland, das vor fast drei Jahren 57 Menschenleben forderte, hat unter chaotischen Bedingungen begonnen und wurde kurz nach dem Auftakt vertagt. Hunderte von Angehörigen der Opfer und Überlebenden drängten sich in einen provisorischen Gerichtssaal in einem umgebauten Hörsaal der Universität Larisa. Die Atmosphäre war von Wut und Verzweiflung geprägt, als Opferfamilien immer wieder “Schande über euch!” riefen und die mangelnde Vorbereitung des Gerichts anprangerten. Dies führte zu turbulenten Szenen, die eine geordnete Verhandlung von Beginn an unmöglich machten.
Maria Karystianou, eine Vertreterin der Opferfamilien, beklagte, dass die Anwesenden “wie Sardinen in der Dose zusammengepfercht” worden seien – ein Zustand, den sie als “absolute Schande und Missachtung” verurteilte. Trotz der Behauptung des Regierungssprechers Pavlos Marinakis, es handele sich um einen der größten Gerichtssäle Griechenlands, reichte der Platz für die erwartete Menge nicht aus, sodass Dutzende Angehörige vor der Tür warten mussten. Die Verhandlung wurde auf den 1. April vertagt, um eine angemessene Umgebung zu finden, die den Dimensionen des Falls und der Zahl der Beteiligten gerecht wird.
Das Unglück ereignete sich im Februar 2023, als ein Passagierzug nahe Tempi frontal mit einem Güterzug kollidierte. Mehr als 350 Zeugen sollen in dem Verfahren aussagen. Pavlos Aslanidis, dessen 26-jähriger Sohn bei dem Unfall starb, betonte, der Prozess beginne mit “großer Verspätung” und die Familien forderten eine “exemplarische Bestrafung der Verantwortlichen”. Angeklagt sind 36 mutmaßlich Verantwortliche, darunter Bahnmanager und der diensthabende Bahnhofsvorsteher. Die meisten Angeklagten erschienen nicht, und ihnen drohen bei Verurteilung teils lebenslange Haftstrafen in einem Prozess, der sich über Jahre ziehen könnte.
Offiziell wurde der Unfall von der Regierung von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis auf menschliches Versagen und gravierende strukturelle Mängel bei der griechischen Bahn zurückgeführt. Doch die Regierung selbst steht wegen ihres Umgangs mit dem Unglück und den Nachwirkungen stark in der Kritik. Besonders der Umstand, dass in Larisa kein Politiker vor Gericht steht, sorgt in Griechenland für erheblichen Unmut in der Bevölkerung und verstärkt das Gefühl, dass die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Die Forderung nach Gerechtigkeit und umfassender Aufklärung bleibt somit ein zentrales Anliegen der Öffentlichkeit.
