Die wissenschaftlichen Berater von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche haben in einem Kurzgutachten zur Energiekrise vor “kurzfristigem Aktionismus” wie Subventionen für Energiepreise gewarnt. Sie betonen die Wichtigkeit von Preissignalen, um den Konsum zu drosseln und das Verhalten der Nachfrager zu beeinflussen. Angesichts der anhaltend hohen Energiepreise und der Notwendigkeit einer diversifizierten Energieversorgung in Deutschland fordern die Ökonomen eine strategische Neuausrichtung. Der Bericht rät dazu, kurzfristige Eingriffe zu vermeiden, die die Marktdynamik stören und die langfristigen Anreize für Effizienz und alternative Energien untergraben könnten.
Ein zentraler und kontroverser Punkt des Gutachtens ist der Vorschlag, die heimische Gasförderung auszuweiten und die Technik des Fracking in Deutschland zu prüfen. Die Berater, darunter die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, argumentieren, dass ein vollständiger Verzicht auf inländische Förderung bei gleichzeitigem Import von Fracking-Gas aus anderen Ländern, etwa den USA, ethische Fragen bezüglich der globalen Verteilung von ökonomischen Vorteilen und ökologischen Risiken aufwirft. Ministerin Reiche äußerte sich dazu zurückhaltend und betonte, dass sie die Positionen ihrer Berater nicht in jedem Punkt übernehme, aber dankbar für die Beratung sei.
Weiterhin empfehlen die Ökonomen eine Überprüfung der Strategie zur Befüllung von Gasspeichern. Obwohl sie aktuell keine unmittelbaren Versorgungsprobleme sehen, sollte Deutschland eine nationale Gasreserve analog zur Ölreserve einführen, was jedoch eine Erweiterung der Gasspeicherkapazitäten erfordern würde. Der Konjunktur-Chef des RWI-Leibniz-Instituts, Torsten Schmidt, äußert sich skeptischer und warnt vor möglichen Problemen im kommenden Winter, insbesondere wenn der Iran-Krieg länger dauert und hohe Preise Händler vom Einspeichern abhalten. Die Freigabe nationaler Ölreserven ist eine kurzfristige Maßnahme zur Stabilisierung der Märkte.
Die übergeordnete Frage für alle Ökonomen ist die Dauer des aktuellen Konflikts im Nahen Osten und dessen Auswirkungen auf Inflation und Wirtschaftswachstum. Längere Konflikte könnten gravierendere Folgen nach sich ziehen. Die Berater von Ministerin Reiche warnen zudem davor, dass die Europäische Zentralbank (EZB) nicht zu spät auf gestiegene Inflationserwartungen reagieren dürfe, um eine Wiederholung der Energiekrise 2022 zu vermeiden. Am Markt werden derzeit zwei Zinserhöhungen der EZB erwartet. Ifo-Präsident Clemens Fuest zeigt sich indes vorsichtig optimistisch, da Deutschland weniger stark von Öl abhängig sei als früher, spricht aber dennoch von einem “klaren Dämpfer” für die Wirtschaft.

