Zehntausende Beschäftigte haben am 21. September in ganz Deutschland gegen Stellenabbau und Werksschließungen in der Autoindustrie protestiert. Die Demonstrationen richteten sich vor allem gegen Volkswagen, aber auch gegen Mercedes-Benz, BMW, Audi, Porsche und den Zulieferer Bosch. Organisiert wurden die Aktionen von der Gewerkschaft IG Metall.
Die Gewerkschaft fordert den Erhalt von Arbeitsplätzen und Produktionsstandorten. Gleichzeitig verlangt sie politische Maßnahmen zur Senkung der Energiekosten. Zudem fordert sie einen besseren Schutz der heimischen Industrie vor günstigen Importen aus China.
IG-Metall-Chefin Christiane Benner erklärte bei einer Kundgebung vor dem Volkswagen-Werk in Wolfsburg, die Beschäftigten seien nicht verantwortlich für die aktuelle Krise. Sie sprach sich für eine Ausweitung der europäischen Zölle auf chinesische Autoimporte aus.
Derzeit gelten zusätzliche EU-Zölle hauptsächlich für batterieelektrische Fahrzeuge. Andere Fahrzeugarten wie Hybride werden weiterhin nur mit dem üblichen Einfuhrzoll belastet. Aus Sicht der Gewerkschaft reicht dies nicht aus, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.
Die Proteste fanden kurz vor den jährlichen Tarifverhandlungen statt. Die Gewerkschaft will ihre offiziellen Forderungen am 23. September vorstellen. Die Gespräche beginnen jedoch in einer deutlich schwierigeren wirtschaftlichen Lage als in den vergangenen Jahren.
Volkswagen steht dabei besonders im Mittelpunkt. Markenchef Thomas Schäfer kündigte an, das laufende Sparprogramm weiter zu verschärfen. Nach seinen Angaben wurden in Deutschland bereits 16.300 Stellenstreichungen abgeschlossen. Insgesamt sollen 35.000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Rund 28.800 dieser Kürzungen seien bereits vereinbart.
Schäfer sagte den Beschäftigten in Wolfsburg, dass das Unternehmen keine Zeit verlieren dürfe. Deshalb werde das bestehende Leistungs- und Sparprogramm weiter beschleunigt. Die Aussagen verdeutlichen den Druck, unter dem Europas größter Autobauer derzeit steht.
Auch bei Porsche sorgt die Diskussion über mögliche Stellenstreichungen für Unsicherheit. Vorstandschef Michael Leiters widersprach Berichten über weitere geplante Kürzungen. Medienberichte hatten zuvor behauptet, dass zusätzlich zu bereits vereinbarten Maßnahmen weitere Arbeitsplätze gefährdet seien.
Leiters erklärte in einer internen Mitteilung, dass keine zusätzlichen Kürzungen von 4.000 Stellen geplant seien. Das bestehende Restrukturierungsprogramm sei vom Aufsichtsrat des Unternehmens genehmigt worden. Änderungen an diesem Plan würden derzeit nicht erwartet.
Die schwierige Lage bei Volkswagen wurde zusätzlich durch eine weitere Entwicklung verschärft. Das Unternehmen wird aus dem Euro Stoxx 50 entfernt. Diese Änderung hat auch praktische Folgen. Fonds, die den Index nachbilden, müssen ihre Volkswagen-Aktien verkaufen. Dadurch entsteht zusätzlicher Druck auf den Aktienkurs.
Die Herausforderungen betreffen jedoch nicht nur Volkswagen. Die gesamte deutsche Autoindustrie befindet sich in einem tiefen Wandel. Nach Angaben des Branchenverbands VDA sind seit 2019 rund 100.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.
Auch die Zulieferindustrie wurde stark getroffen. Dort wurden im gleichen Zeitraum etwa 74.000 Stellen abgebaut. Das entspricht fast einem Viertel der Beschäftigten in diesem Bereich.
Andere Hersteller stehen vor ähnlichen Problemen. BMW kündigte nach einer Gewinnwarnung den Abbau von 8.000 Arbeitsplätzen an. Mercedes-Benz reduziert die Produktion in Deutschland und baut gleichzeitig günstigere Standorte in Ungarn aus.
Hinzu kommt der zunehmende Wettbewerb aus China. Chinesische Hersteller erreichten im Juli einen Marktanteil von rund 11 Prozent in Europa. Besonders Hybridfahrzeuge gewinnen dabei an Bedeutung. Viele Unternehmen sehen darin eine zusätzliche Herausforderung für die heimische Industrie.
Die Proteste fanden zudem in einer politisch angespannten Zeit statt. Nur einen Tag zuvor musste die CDU von Bundeskanzler Friedrich Merz schwere Verluste bei zwei Landtagswahlen hinnehmen. Die Ergebnisse lösten neue Debatten über die wirtschaftliche Lage Deutschlands aus.
Auch innerhalb der Bundesregierung wird über mögliche Schutzmaßnahmen diskutiert. Vizekanzler Lars Klingbeil sprach sich für Zölle auf importierte Plug-in-Hybride aus. Damit könnte die Diskussion über Handelsmaßnahmen in den kommenden Monaten weiter an Bedeutung gewinnen.
Für die Beschäftigten bleibt die Unsicherheit hoch. Viele Arbeitnehmer sorgen sich um ihre berufliche Zukunft. Gleichzeitig stehen die Unternehmen unter Druck, Kosten zu senken und wettbewerbsfähig zu bleiben. Die kommenden Tarifverhandlungen und politischen Entscheidungen könnten daher eine wichtige Rolle für die Zukunft der deutschen Autoindustrie spielen.

