Der Videobeweis im deutschen Profifußball erlebt eine neue Eskalationsstufe des Unmuts. Am Wochenende sorgte eine kuriose Szene beim Zweitligaspiel Preußen Münster gegen Hertha BSC für Aufsehen, als Schiedsrichter Felix Bickel buchstäblich im Dunkeln stand. Ein Fan hatte dem Monitor am Spielfeldrand, auf dem Bickel eine strittige Elfmetersituation überprüfen wollte, kurzerhand den Stecker gezogen. Kurz darauf signalisierten Ultras mit einem Plakat ihre Unterstützung für die Aktion. Bickel musste sich, ohne eigene Sichtungsmöglichkeit, auf die Empfehlung seiner Kollegen aus dem „Kölner Keller“ verlassen und entschied auf Elfmeter, was die Debatte um die Legitimität und Wirkung des VAR weiter anheizte. Die Aktion in Münster ist ein deutliches Zeichen dafür, dass der anfängliche Unmut über den Videobeweis nun in öffentlichen Protest mündet und Fans ihre Frustration auf kreative, wenn auch disruptive, Weise zum Ausdruck bringen. Die Sehnsucht nach einer Schiedsrichterentscheidung, die einzig und allein auf dem persönlichen Eindruck des Referees basiert, wird immer lauter. Die Fans wollen sich über den Mann in Schwarz erregen können, nicht über eine anonyme Institution, deren undurchsichtige Arbeitsweise ihr den zweifelhaften Beinamen „Kölner Keller“ eingebracht hat. Dieser Vorfall verdeutlicht die Bruchstelle zwischen der technischen Unterstützung und dem Wunsch nach menschlicher Urteilsfindung.
Parallel dazu erreichte die Welle des Protests auch die Bundesliga: Beim Spiel 1. FC Köln gegen Borussia Dortmund ereiferte sich der Kölner Stadionsprecher über einen nach seiner Ansicht verwehrten Handelfmeter für den FC. Seine emotionalen Ausführungen über das Stadionmikrofon könnten ihm nun eine Strafe des DFB einhandeln, was die Allgegenwärtigkeit und Brisanz der VAR-Debatte unterstreicht. Die Öffentlichkeit, von Fans über Medien bis hin zu Vereinsfunktionären, scheint eine Grenze erreicht zu haben, die im Schiedsrichterdeutsch als „kalibrierte Linie“ bezeichnet werden könnte. Die Verärgerung über den Videobeweis ist nicht mehr nur ein leises Geraune, sondern eine öffentlich ausgetragene Konfrontation, die das Sportliche überschattet.
Während die Männer-Ligen mit dem Videobeweis hadern, starteten die DFB-Fußballerinnen ohne diese Technologie in ihre WM-Qualifikation. Beim Spiel gegen Slowenien zeigte sich, dass auch ohne VAR Fehlentscheidungen zum Fußball gehören: Das Schiedsrichtergespann lag bei Abseitsentscheidungen fünfmal daneben. Dies wirft die Frage auf, ob der Videobeweis tatsächlich zu mehr Gerechtigkeit führt oder vielmehr eine Quelle steter Aufregung bleibt, die das Wesen des Spiels und die Autorität der Unparteiischen in Frage stellt.
Der „Kölner Keller“ und seine Entscheidungen, oft aus dem Verborgenen, werden zunehmend als dunkler Ort wahrgenommen – symbolisch für die undurchsichtige und emotionslose Technokratie, die viele Fans im Fußball ablehnen. Der schwarze Bildschirm von Felix Bickel wird zum Sinnbild für die tiefe Kluft, die sich zwischen der modernen Technologie und der traditionellen Fußballkultur aufgetan hat. Die aktuellen Ereignisse lassen vermuten, dass die Diskussion um den Videobeweis noch lange nicht beendet ist und der Unmut der Fangemeinden weiter anwachsen könnte.

