Deutschlands Autoindustrie steht vor einem tiefen Wandel. Die Branche verliert seit Jahren Arbeitsplätze. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach militärischer Ausrüstung. Einige Autohersteller und Zulieferer prüfen deshalb den Einstieg in die Rüstungsproduktion.
Seit 2018 hat die deutsche Autoindustrie rund 142.500 Arbeitsplätze abgebaut. Allein im ersten Halbjahr 2026 gingen etwa 42.300 Stellen verloren. Viele Unternehmen suchen nun nach neuen Möglichkeiten für ihre Werke und Beschäftigten.
Die Rüstungsbranche bietet dabei einen stark wachsenden Markt. Die Bundesregierung stellt deutlich mehr Geld für die Verteidigung bereit. Dadurch steigen auch die Aufträge für Unternehmen, die Waffen, Fahrzeuge und andere militärische Güter herstellen.
Der Branchenverband der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie will diese Entwicklung nutzen. Mit der Initiative Auto2Defence sucht er gezielt Kontakt zu Unternehmen aus der Autoindustrie. Dabei geht es um Fabriken, Fachkräfte und technisches Wissen.
Die Rüstungsunternehmen brauchen zusätzliche Produktionskapazitäten. Rheinmetall plant beispielsweise, seine Belegschaft in den nächsten drei Jahren deutlich zu vergrößern. Die Zahl der Beschäftigten soll von rund 30.000 auf etwa 40.000 steigen.
Auch die erwarteten Umsätze der Branche wachsen stark. Die hohen staatlichen Ausgaben machen militärische Aufträge für Unternehmen immer attraktiver. Nach aktuellen Umfragen erwartet etwa jedes dritte Industrieunternehmen neue Geschäftsmöglichkeiten durch den Verteidigungssektor.
Für die Autoindustrie kommt diese Entwicklung zu einem schwierigen Zeitpunkt. Hersteller kämpfen mit hohen Kosten, schwacher Nachfrage und einem schnellen technologischen Wandel. Der Einsatz künstlicher Intelligenz verändert zudem die Produktion.
Viele Unternehmen bauen deshalb Stellen ab oder verlagern Werke. Für Beschäftigte kann der Wechsel in die Rüstungsproduktion eine Möglichkeit sein, Arbeitsplätze zu erhalten. Gleichzeitig verändert sich dadurch die Art der Arbeit.
Besonders deutlich wird dies bei Mercedes-Benz. Vorstandschef Ola Källenius erklärte im Mai 2026, dass Mercedes einen Einstieg in die Rüstungsproduktion prüfen könne. Entscheidend sei dabei die wirtschaftliche Perspektive.
Im Fokus steht das Werk in Ludwigsfelde südlich von Berlin. Dort sind derzeit rund 2.000 Menschen beschäftigt. Das Werk produziert den Sprinter und den elektrischen E-Sprinter.
Mercedes will die Sprinter-Produktion in Ludwigsfelde jedoch schrittweise beenden. Die Fertigung soll spätestens 2030 vollständig in das Werk im polnischen Jawor verlagert werden.
Damit stellt sich die Frage nach der Zukunft des Standorts. Eine mögliche Lösung ist eine Zusammenarbeit mit dem Rüstungskonzern KNDS.
Nach einem diskutierten Modell könnte KNDS zunächst einen Teil der Werkshallen übernehmen. Mercedes würde dort weiter Sprinter bauen. Gleichzeitig könnte KNDS mit der Produktion von Boxer-Fahrzeugen beginnen.
Der Boxer ist ein geschütztes militärisches Fahrzeug. Die gemeinsame Nutzung der Hallen könnte eine Übergangsphase ermöglichen. Nach dem Ende der Mercedes-Produktion könnten Beschäftigte dann zu KNDS wechseln.
Gespräche zwischen dem Unternehmen und Vertretern des Betriebsrats laufen bereits. Für die Beschäftigten geht es dabei vor allem um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze und ihre neuen Aufgaben.
Auch die Gewerkschaft IG Metall begleitet die Gespräche. Ihr stellvertretender Vorsitzender Jürgen Kerner fordert eine frühe Beteiligung von Betriebsräten und Gewerkschaft. Beschäftigte müssten zudem umfassend ausgebildet werden, wenn sich ihre Aufgaben ändern.
Die mögliche Umstellung in Ludwigsfelde könnte ein Beispiel für andere Standorte werden. Viele Unternehmen der Autoindustrie stehen vor ähnlichen Problemen. Frei werdende Produktionsflächen könnten für neue Geschäftsfelder genutzt werden.
Der Ausbau der Rüstungsproduktion löst jedoch auch eine politische Debatte aus. Befürworter sehen darin eine Chance für neue Aufträge und sichere Arbeitsplätze. Kritiker warnen vor einer stärkeren Ausrichtung der Industrie auf militärische Zwecke.
Auch die deutsche Industriegeschichte spielt in der Debatte eine Rolle. Große deutsche Unternehmen waren während der nationalsozialistischen Herrschaft eng mit der Kriegswirtschaft verbunden.
Daimler-Benz gehörte damals zu den wichtigen Unternehmen der deutschen Rüstungsproduktion. Der Konzern stellte unter anderem Militärfahrzeuge und Flugzeugmotoren her. Das Unternehmen nutzte zudem Zwangsarbeiter.
Menschen aus den von Deutschland besetzten Gebieten wurden damals zur Arbeit gezwungen. Auch Häftlinge aus Konzentrationslagern mussten in Teilen der deutschen Kriegswirtschaft arbeiten.
Die heutigen politischen Verhältnisse sind mit dieser Zeit nicht vergleichbar. Deutschland ist heute ein demokratischer Staat. Dennoch sorgt der schnelle Ausbau der Verteidigungsausgaben für Diskussionen über die Zukunft der Industrie.
Neben Rheinmetall profitieren auch weitere Unternehmen von der steigenden Nachfrage. Dazu gehören Hersteller von Panzern, Flugzeugen, Raketen, Radarsystemen, Schiffen und Munition.
Die deutsche Autoindustrie könnte damit einen neuen Absatzmarkt finden. Ob die Rüstungsproduktion jedoch dauerhaft genügend Arbeitsplätze schaffen kann, bleibt offen.
Die Entwicklung in Ludwigsfelde wird deshalb mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Der Standort könnte zeigen, wie stark sich die deutsche Autoindustrie in den kommenden Jahren verändern wird.

