Der stationäre Einzelhandel in Deutschland erlebt einen dramatischen Strukturwandel. Erstmals seit der Wiedervereinigung wird die Zahl der Geschäfte in diesem Jahr voraussichtlich unter die Marke von 300.000 fallen, wie eine aktuelle Schätzung des Handelsverbands Deutschland (HDE) zeigt. Bis 2026 wird sogar ein weiterer Rückgang auf nur noch 296.600 Läden prognostiziert, wobei sowohl Schließungen als auch Neueröffnungen bereits berücksichtigt sind. Dieser Trend setzt sich seit Jahren fort; Ende 2015 gab es noch rund 372.000 Geschäfte.
Verschiedene Faktoren haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Insbesondere die Coronapandemie verschärfte die Lage erheblich, da viele Läden temporär schließen mussten. Auch der kontinuierliche Aufschwung des Onlinehandels setzt den traditionellen Einzelhändlern massiv zu. HDE-Präsident Alexander von Preen äußert sich besorgt über die sichtbaren Leerstände in vielen Innenstädten und warnt, dass es so nicht weitergehen könne. Er betont die schwierige Situation vieler mittelständischer Händler, die unter der seit Jahren stagnierenden Konsumlaune leiden, und fordert die Politik auf, durch Senkung von Energie- und Beschäftigungskosten unterstützend einzugreifen.
Das vergangene Jahr war für die Branche durchwachsen. Während der Onlinehandel 2025 preisbereinigt um 3,5 Prozent zulegen konnte, stagnierten die Umsätze im stationären Handel. Eine Händlerumfrage vom Januar offenbart eine düstere Stimmung: Lediglich 14 Prozent der Unternehmen bewerten ihre Geschäftslage als gut, und jedes zweite erwartet für 2026 sinkende Umsätze. Die größte Herausforderung bleibt die anhaltende Kaufzurückhaltung der Verbraucher. Entsprechend besorgniserregend ist die Entwicklung bei den Insolvenzen: Mit 2571 Fällen im Jahr 2025 verzeichnete der Einzelhandel den höchsten Stand seit zehn Jahren, ein weiterer Anstieg wird erwartet.
Prominente Beispiele wie der Schuhhändler Görtz, der Modehersteller Gerry Weber und der Herrenausstatter Wormland waren zuletzt von Insolvenzen betroffen. Der Hemdenhersteller Eterna stellt seinen Betrieb sogar insolvenzbedingt ein, während Unternehmen wie Depot und Kodi ihre Filialnetze drastisch verkleinerten. Die Branche sucht nach Lösungen und kommt diese Woche in Berlin zum jährlichen Handelsimmobilienkongress zusammen, um mit Politikvertretern, darunter Sabine Poschmann (SPD), über die Zukunft zu beraten. Ohne grundlegende Veränderungen drohen weitere Schließungen und eine nachhaltige Veränderung des Stadtbildes.

