Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat die Belegschaft des größten Luftfahrtkonzerns außerhalb Amerikas auf eine ernste Krise eingeschworen. Angesichts der angespannten Lage in der Golfregion und daraus resultierenden hohen Ölpreisen sowie Engpässen bei der Kerosinverfügbarkeit, sprach Spohr direkt und ohne Umschweife von kommenden Herausforderungen. Intern kündigte er die Vorbereitung von zwei Krisenpaketen an, die die vorübergehende Außerdienststellung von 20 oder sogar 40 Flugzeugen, entsprechend 2,5 bis 5 Prozent der Sitzkapazität, vorsehen. Primär sollen ältere, treibstoffintensive Maschinen wie der Airbus A340-600 oder die Boeing 747–400 betroffen sein. Die Entscheidungen zur Umsetzung dieser Maßnahmen stehen zwar noch aus, doch Spohr machte deutlich, dass die Lage ernst genug ist, um solche Szenarien durchzuspielen. Das für 2026 geplante Wachstum von vier Prozent wird voraussichtlich nicht mehr realistisch sein.
Die aktuelle Krise unterscheidet sich von früheren nicht nur durch den Preis des Treibstoffs, sondern auch durch seine Verfügbarkeit. Flughäfen in Asien, wie Singapur und Bangkok, lehnen bereits zusätzliche Flüge ab, da die Kerosinreserven für den regulären Flugplan geschont werden müssen. Spohr skizzierte drei Eskalationsstufen: Die erste sieht vor, dass Airports keine zusätzlichen Flüge akzeptieren; die zweite, dass sie nicht genug Treibstoff für bereits geplante Flüge haben; die dritte und schwerwiegendste Stufe wäre eine Knappheit der Jetfuel-Versorgung an den eigenen europäischen Drehkreuzen. Obwohl eine dritte Stufe derzeit nicht ernsthaft erwartet wird, bleibt ein Restrisiko. Lufthansa hat rund 80 Prozent ihrer Treibstoffkosten von sieben Milliarden Euro für 2026 abgesichert, doch die verbleibenden 1,4 Milliarden Euro sind bei einem potenziellen Ölpreisdoppel anfällig und könnten sich zu 2,8 Milliarden Euro entwickeln, was als signifikant bezeichnet wird.
Die direkten Konsequenzen für Passagiere werden deutlich spürbar sein: Die Tickets werden teurer, und Spohr rechnet damit, dass höhere Preise die Nachfrage reduzieren werden, was zu weniger Buchungen und Umsätzen führt. Die schwierige Frage ist, ob höhere Ticketpreise die gestiegenen Kosten überhaupt kompensieren können. Als letztes Mittel und Option für den Fall, dass zu viele Flugzeuge am Boden bleiben und zu viele Mitarbeiter keine Arbeit mehr haben, nannte Spohr explizit das Instrument der Kurzarbeit, das bereits in der Covid-Krise zur Überlebensstrategie wurde. Er betonte jedoch, dass man diesen Punkt noch nicht erreicht habe. Gleichzeitig warnte er davor, wie in der Coronakrise, zu schnell und zu tief einzuschneiden, ein seltenes Eingeständnis über frühere Fehler in der Krisenbewältigung des Konzerns. Die Ursache des aktuellen Engpasses ist die Meerenge von Hormus, durch die 20 bis 25 Prozent des globalen Öls fließen und wo die Eskalation den Fluss stocken lässt.
Kurzfristig profitiert Lufthansa noch vom Chaos der Konkurrenz, insbesondere den paralysierten Golf-Carriern, und verzeichnet starke Buchungszahlen nach Asien. Doch Spohr ließ sich davon nicht blenden und erwartete ein baldiges Comeback der Golf-Airlines mit Dumpingpreisen. Parallel zu den externen Krisen schwelten interne Konflikte in Form von Streiks der Kabinen- und Cockpit-Gewerkschaften. Spohr stellte die Strategie in den Vordergrund, Investitionen dorthin zu lenken, wo die höchste Rendite erzielt wird. Trotz der turbulenten Zeiten kündigte Spohr an, innerhalb von 48 Stunden ein nicht bindendes Angebot für die portugiesische Staatsfluggesellschaft TAP abzugeben. Die Akquisition von TAP würde Lufthansa Zugang zum südamerikanischen Markt verschaffen und die Internationalisierung sowie das Gewicht außerhalb des europäischen Kurzstreckensystems stärken, ähnlich dem erfolgreichen Modell von ITA Airways in Italien.

