Eine aktuelle Studie zeigt, dass sich die Erdrotation in den letzten Jahrzehnten so stark verlangsamt hat wie seit zwei Millionen Jahren nicht mehr. Die Ursache für diese ungewöhnliche Entwicklung ist laut einem Forscherteam vom »Journal of Geophysical Research: Solid Earth« der menschengemachte Klimawandel. Diese Abbremsung der Erde, wenn auch im Alltag unmerklich, hat potenziell weitreichende Konsequenzen für hochpräzise Technologien, die auf einer exakten Zeitmessung basieren. Die Studie beleuchtet, wie globale Umweltveränderungen tiefgreifende physikalische Prozesse auf unserem Planeten beeinflussen.
Obwohl die Verlängerung einer Umdrehung mit 1,33 Millisekunden pro Jahrhundert minimal erscheint und für den Menschen nicht spürbar ist, könnte sie doch die präzise Zeitmessung und die Raumfahrt-Navigation beeinträchtigen, welche auf der konstanten Erdrotation basieren. Die Dauer eines Tages ist nicht absolut 24 Stunden, sondern unterliegt natürlichen Schwankungen durch die Mondanziehung und geophysikalische Prozesse im Erdinneren, an der Oberfläche und in der Atmosphäre. Die aktuellen Beobachtungen weisen jedoch auf eine neue und signifikante Variable hin, die diese natürlichen Schwankungen überlagert.
Der Mechanismus hinter dieser Verlangsamung ist eng mit dem Anstieg des Meeresspiegels verbunden. Frühere Arbeiten von Mostafa Kiani Shahvandi und Benedikt Soja zeigten, dass das Schmelzen von Gletschern und Polareis zu einer Umverteilung der Wassermassen führt. Diese Massenverlagerung verlangsamt die Erdrotation – vergleichbar mit einer Eiskunstläuferin, die ihre Drehgeschwindigkeit reduziert, indem sie ihre Arme ausstreckt. Das zusätzliche Wasser verteilt sich vom Äquator weg, was die Trägheit des Planeten erhöht und somit seine Drehbewegung dämpft.
Um die historische Perspektive zu gewinnen, analysierten die Forscher Meeresfossilien und deren chemische Zusammensetzung, um frühere Meeresspiegel und daraus abgeleitet die Erdrotationsgeschwindigkeit zu rekonstruieren. Dabei stellten sie fest, dass sich die Erdrotation in den letzten 3,6 Millionen Jahren zwar immer wieder veränderte, doch nur einmal vor etwa zwei Millionen Jahren eine vergleichbar starke Verlangsamung stattfand. Die aktuelle Beschleunigung der Tagesverlängerung kann laut Soja größtenteils menschlichen Einflüssen zugeschrieben werden, was die Dringlichkeit der Klimawandelbekämpfung unterstreicht. „Was wir beobachten, ist durch den Klimawandel verursacht“, betont Soja.

