In Mannheim zeigen Katholiken und Protestanten, wie ein gemeinsames Kirchenleben aussehen kann. In der Kirche St. Pius im Stadtteil Neuostheim nutzen beide Gruppen dasselbe Gebäude für ihre Gottesdienste.
Von außen sieht die Kirche wie ein einfaches Gotteshaus aus den 1950er-Jahren aus. Doch ihre Nutzung ist besonders. Katholische und evangelische Christen feiern dort Gottesdienste. Sie nutzen auch denselben Altar, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten.
Die Geschichte begann vor mehr als 50 Jahren. Im Jahr 1970 begann die katholische Gemeinde von St. Pius, enger mit der evangelischen Gemeinde zusammenzuarbeiten. Damals fanden die ersten gemeinsamen Gottesdienste statt.
Nach 2009 wurde die Verbindung noch stärker. Die nahe gelegene evangelische St.-Thomas-Kirche wurde durch einen schweren Wasserschaden stark beschädigt. Später stellte sich heraus, dass das Gebäude nicht mehr repariert werden konnte.
Zunächst war die Nutzung von St. Pius nur als Übergang gedacht. Doch mit der Zeit wurde klar, dass die gemeinsame Nutzung gut funktionieren konnte. Aus einer praktischen Lösung entstand eine feste Zusammenarbeit.
Annette Hübner, Mitglied der katholischen Gemeinde, kennt diese Entwicklung seit vielen Jahren. Sie lebt seit mehr als 50 Jahren mit ihrer Familie in Neuostheim.
Für die Menschen in St. Pius gehört das gemeinsame Kirchenleben heute zum Alltag. Es geht nicht nur um besondere Veranstaltungen. Katholiken und Protestanten arbeiten auch unter der Woche zusammen und treffen sich zu Gottesdiensten am Sonntag.
An der Fassade der Kirche steht ein Satz: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“ Für die beiden Gemeinden ist diese Botschaft Teil ihres täglichen Lebens geworden.
Das Beispiel aus Mannheim steht für eine größere Entwicklung in Deutschland. Im Land gibt es bereits viele Kirchen, die von verschiedenen christlichen Gruppen gemeinsam genutzt werden.
Rund 65 solcher Kirchen sind in Deutschland bekannt. Sie werden oft als Simultankirchen bezeichnet. Einige haben eine lange Geschichte. In mehreren Fällen begann die gemeinsame Nutzung nach der Reformation, als sich die christlichen Kirchen in verschiedene Gruppen teilten.
Heute gibt es einen neuen Grund für die gemeinsame Nutzung von Kirchen. Viele Gemeinden verlieren Mitglieder. Gleichzeitig werden die Kosten für den Erhalt großer Gebäude immer höher.
Nach offiziellen Kirchenzahlen für 2025 gab es in Deutschland rund 24.500 katholische und 21.100 evangelische Kirchen. Die Zahlen umfassen kleine Kapellen ebenso wie große Kirchen.
Viele dieser Gebäude werden heute nicht mehr regelmäßig gebraucht. Einige Kirchen werden geschlossen. Andere werden verkauft oder für neue Zwecke genutzt. Manche Gebäude werden sogar abgerissen.
Deshalb prüfen immer mehr katholische und evangelische Gemeinden, ob sie Kirchen gemeinsam nutzen können. Eine solche Lösung kann helfen, Gebäude zu erhalten. Sie kann zugleich die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden stärken.
Das Modell findet sich nicht nur in Mannheim. Auch in anderen Teilen Deutschlands gibt es ähnliche Projekte.
In Schildow nördlich von Berlin könnte künftig nur noch eine Kirche regelmäßig genutzt werden. Die größere evangelische Kirche soll dabei eine wichtige Rolle für die örtliche Gemeinde übernehmen.
Auch Kirchenvertreter sehen in solchen Projekten eine Möglichkeit, die Zusammenarbeit zwischen Katholiken und Protestanten weiter auszubauen.
Die Entwicklung hat auch eine historische Bedeutung. Katholische und evangelische Christen standen in Deutschland früher oft weit auseinander. In manchen Gegenden galt es sogar als falsch, einen Gottesdienst in einer Kirche der anderen Konfession zu besuchen.
Heute hat sich diese Haltung stark verändert.
In St. Pius versuchen die beiden Gemeinden nicht, ihre Unterschiede zu beseitigen. Stattdessen suchen sie nach Wegen, gemeinsam zu handeln und denselben Kirchenraum zu nutzen.
Das Beispiel verbindet damit einen praktischen Bedarf mit religiöser Zusammenarbeit. Wenn die Zahl der Kirchenbesucher weiter sinkt, könnten gemeinsame Kirchen künftig häufiger werden.
Für die Menschen in Mannheim geht es jedoch nicht nur um den Erhalt eines Gebäudes. Es geht auch um eine Beziehung, die über Jahrzehnte gewachsen ist.
Was in den 1970er-Jahren als Zusammenarbeit begann, wurde nach dem Verlust der evangelischen Kirche zu einer gemeinsamen Lösung. Heute ist das gemeinsame Kirchenleben ein fester Teil des Alltags in Neuostheim.
St. Pius zeigt damit, wie ein Kirchengebäude eine neue Rolle bekommen kann. Gleichzeitig können zwei christliche Gemeinden näher zusammenrücken und ihren Glauben unter einem Dach leben.

