Eine unabhängige Studie der Universität Paderborn enthüllt das alarmierende Ausmaß sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Paderborn. Für die Jahre 1941 bis 2002 gibt es demnach Hinweise auf 210 Beschuldigte und 489 Betroffene – fast doppelt so viele wie bisher angenommen. Die bisherigen Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz, die lediglich 111 Priester und 197 Opfer für den Zeitraum von 1946 bis 2014 identifizierten, müssen somit drastisch korrigiert werden. Die Historikerin Nicole Priesching, Mitautorin der Studie, betont, dass von einem erheblichen Dunkelfeld auszugehen ist, dessen wahres Ausmaß nur spekuliert werden kann. Die Untersuchung spricht von tiefgreifenden „Vertuschungsspiralen“ innerhalb der katholischen Kirche und stellt klar, dass die Aufarbeitung erst am Anfang steht.
Die Studie deckt auf, wie beschuldigte Kleriker, Bistumsmitglieder und sogar Erzbischöfe systematisch Einfluss auf Betroffene und deren Angehörige nahmen, um Anzeigen zu verhindern. Pfarrer wurden demnach stillschweigend unter Druck gesetzt, ebenfalls auf die Opfer einzuwirken, eine Erwartungshaltung, die sich oft mit dem sozialen Umfeld in den Gemeinden deckte. Diese „Vertuschungsspirale“ führte dazu, dass Betroffene weiterhin den beschuldigten Priestern ausgeliefert blieben, was ihren Leidensweg zusätzlich verlängerte und traumatisierte. Die institutionelle Struktur trug somit maßgeblich dazu bei, das Ausmaß des Missbrauchs zu verbergen und die Täter zu schützen.
Die Reaktionen der Missbrauchsbetroffenen sind von Bestürzung geprägt. Reinhold Harnisch, Sprecher der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn, sprach von einem doppelten Missbrauch – durch die Täter und das Versagen der Institutionen. Er betonte jedoch, dass die neue Studie den Betroffenen „ein Stück Würde zurückgibt“. Matthias Katsch von der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch äußerte sich von einem „Tag der Trauer und des Zorns“, angesichts der Gewissenlosigkeit, mit der Täter geschützt und Opfer ignoriert wurden. Der aktuelle Paderborner Erzbischof Udo Bentz bezeichnete die Untersuchung als Meilenstein und sprach von einem „schuldhaften Versagen früherer Bistumsverantwortlicher“, welches eine neue Kultur der Glaubwürdigkeit auf allen Ebenen erfordere.
Das Wissenschaftlerteam der Universität Paderborn arbeitete seit 2020 an dieser unabhängigen Studie. Es wurden personenbezogene Akten, das Erzbischöfliche Geheimarchiv, private Nachlässe, Gerichts- und Strafakten sowie rund 80 Interviews mit Zeitzeugen und Betroffenen ausgewertet. Die Untersuchung konzentrierte sich auf die Amtszeiten der Erzbischöfe Lorenz Jaeger (1941–1973) und Johannes Joachim Degenhardt (1974–2002), wobei allein aus Jaegers Amtszeit Namen von 144 Beschuldigten und 316 Betroffenen bekannt sind. Ein weiteres Forschungsprojekt zur Amtszeit von Erzbischof Hans-Josef Becker (2003 bis 2022) läuft noch, dessen erste Ergebnisse für 2027 erwartet werden. Die umfassende Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels hat gerade erst begonnen.
