Das Schach-Kandidatenturnier auf Zypern zieht die Aufmerksamkeit der Schachwelt auf sich, da hier die Herausforderer für Weltmeister Dommaraju Gukesh ermittelt werden. Nach den ersten vier Runden, die von spannenden Partien und unerwarteten Wendungen geprägt waren, steht ein Ruhetag an, der Gelegenheit bietet, die bisherigen Geschehnisse zu beleuchten. Der deutsche Großmeister Matthias Blübaum, ein klarer Außenseiter, hat mit seiner ungeschlagenen Serie von vier Unentschieden und dem geteilten dritten Platz für Furore gesorgt. Der Hashtag #GreatBluebaumSweep, eine humorvolle Prognose seines Durchmarsches, mag zwar nicht ganz eingetreten sein, doch Blübaums Leistung ist eine der größten Überraschungen des Turniers und zeigt seine Fähigkeit, die Favoriten unter Druck zu setzen und vielleicht sogar eine ganz andere Art von „Durchmarsch“ zu schaffen.
Die bisherige Dominanz des erst 20-jährigen Usbeken Javohir Sindarov ist ein klares Zeichen für den Aufstieg einer neuen Generation von Schachgroßmeistern. Mit drei Siegen und einem Unentschieden hat Sindarov die Konkurrenz beeindruckt, besonders in seiner Partie gegen den erfahrenen Ex-Vizeweltmeister Fabiano Caruana. Sindarov nutzte eine gut vorbereitete Variante des Damengambits, um Caruana mit schnellen, präzisen Zügen unter Zeitdruck zu setzen. Diese meisterhafte Performance verdeutlicht nicht nur Sindarovs Talent, sondern auch den Generationswechsel im Spitzenschach, bei dem junge Spieler die etablierten Größen herausfordern und oft überrollen. Seine Fähigkeit, unter Druck präzise und schnell zu agieren, macht ihn zu einem Top-Kandidaten.
Das parallel stattfindende Kandidatinnenturnier wird von besonderen Geschichten und geopolitischen Spannungen begleitet. Während Großmeisterin Jovanka Houska die Partien charmant aus ihrer Küche kommentiert, hat der sogenannte „Irankrieg“ die Teilnahme der indischen Großmeisterin Koneru Humpy verhindert, die Sicherheitsbedenken äußerte. Für sie sprang die ukrainische Großmeisterin Anna Musytschuk ein, selbst eine Flüchtige des russischen Angriffskriegs 2022. Ihre Begegnung mit der unter neutraler Flagge spielenden Russin Kateryna Lagno war emotional aufgeladen: Beide verweigerten sich den obligatorischen Handschlag, und nach einem Fehler von Lagno siegte Musytschuk, die nun das Turnier anführt. Auch die verschärften Anti-Cheating-Maßnahmen mit Scannern und Metalldetektoren, die US-Profi Hikaru Nakamura mit „Mossad-Agenten im Iran“ verglich, prägen das Turnier, angesichts vergangener Betrugsvorwürfe in der Szene.
Diese hochkarätigen Duelle und die begleitenden Dramen machen das Turnier auf Zypern zu einem fesselnden Ereignis. Von Blübaums unerwarteter Beständigkeit über Sindarovs jugendliche Aggressivität bis hin zu den tiefgreifenden menschlichen Geschichten im Kandidatinnenturnier zeigt sich die ganze Bandbreite des modernen Schachs. Nur der Sieger des 14-Runden-Turniers erhält die Chance, den Weltmeister Gukesh herauszufordern, was die Spannung in jeder Partie auf die Spitze treibt. Selbst für die Schach-Nerds bietet das Turnier Höhepunkte wie den „Zug des Turniers“ in der Partie Tan Zhongyi gegen Kateryna Lagno, der die taktische Brillanz der Spieler unter Beweis stellt und die hohe Qualität des Wettbewerbs untermauert.

