Neue Forschungsergebnisse aus Österreich und Italien zeigen, dass Wölfe, entgegen der gängigen Annahme, Menschen nicht nur meiden, sondern sich flexibel an deren Nähe gewöhnen können. Diese bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit ist ein entscheidender Faktor für ihren Erfolg, insbesondere in vom Menschen dominierten und urbanisierten Landschaften. Studienleiterin Sarah Marshall-Pescini von der Veterinärmedizinischen Universität Wien betont, dass Wölfe ihre Verhaltensreaktionen sowohl an die Risiken als auch an die Chancen anpassen, die menschliche Umgebungen bieten. Dies eröffnet neue Perspektiven auf die Koexistenz von Mensch und Wildtier.
Die Gruppe um Marshall-Pescini hebt in den „Proceedings“ der US-nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS) die ambivalente Haltung des Menschen gegenüber dem Wolf hervor: Einerseits wird der Wolf als Symbol für Stärke, Klugheit und jagdliches Können bewundert, andererseits als Bedrohung gefürchtet. Für den Wolf stellt der Mensch zwar eine potenzielle Gefahr dar, gleichzeitig bietet die menschliche Präsenz jedoch auch einen wichtigen Zugang zu Nahrungsquellen, beispielsweise durch Nutztiere wie Schafe oder Ziegen. Diese Mischung aus Gefahr und Nutzen prägt die Interaktion der Tiere mit unserer Zivilisation.
Um diese Dynamik genauer zu untersuchen, beobachtete das Forschungsteam 185 wilde Wölfe in verschiedenen Regionen Mittelitaliens, darunter auch in der Nähe von Florenz. Mithilfe von Kameras dokumentierten die Forschenden die Reaktionen der Tiere auf unbekannte, vom Menschen beeinflusste Objekte – etwa Spielzeuge – sowie auf menschliche Stimmen. Die Videoanalyse zeigte, dass Wölfe anfänglich scheu auf die Objekte reagierten, diese Scheu jedoch mit der Zeit abnahm. Ähnlich verhielten sich die Tiere bei menschlichen Stimmen: Obwohl sie zunächst ängstlich waren, setzte auch hier ein Gewöhnungseffekt ein. Interessanterweise waren Wölfe, die in Gesellschaft von Artgenossen unterwegs waren, in beiden Fällen weniger scheu als Einzelgänger.
Die Nähe wilder Wölfe zu Menschen in dicht besiedelten Gebieten ist ein Phänomen, das sich erst in jüngster Zeit verstärkt. Die Studie belegt die nuancierte Art und Weise, wie Wölfe mit der menschlichen Anwesenheit umgehen. Angesichts ihres vielfältigen Nahrungsangebots, ihrer Problemlösungsfähigkeiten und ihrer Lernkapazität, insbesondere in Verbindung mit ihrer Geselligkeit, wird ihre Fähigkeit, in menschlich geprägten Umgebungen zu gedeihen, weiter gestärkt. Diese extreme Anpassungsfähigkeit erschwert es dem Menschen erheblich, wirksame Abschreckungsmaßnahmen zu entwickeln und zu implementieren. Die Forschungsgruppe resümiert, dass Wölfe ein großes Potenzial haben, sich in menschlichen Umgebungen zurechtzufinden, und stellt die Frage, ob menschliche Gesellschaften gleichermaßen in der Lage sind, sich der Herausforderung einer Koexistenz mit ähnlich effektiven und komplexen Lösungen zu stellen.

