Eine lange Phase ohne Regen bringt die Schifffahrt in Deutschland in große Not. Ein extremes Niedrigwasser im Rhein bedroht nun die Versorgung der heimischen Industrie. An der kritischen Stelle bei Kaub sank der Pegelstand zu Beginn der Woche auf nur noch 16 Zentimeter. Standardmäßige Frachtschiffe benötigen für eine sichere Fahrt jedoch deutlich mehr Tiefe. Aus diesem Grund fahren die Kapitäne ihre Schiffe nur noch mit einem kleinen Teil der möglichen Last. Viele Frachter laden heute nur noch zwanzig Prozent ihrer normalen Menge. Diese Einschränkungen treffen nicht nur den Abschnitt zwischen Mainz und Bonn. Auch weiter nördlich bei Köln, Düsseldorf und Duisburg zeigen die Messstationen extrem niedrige Werte an.
Die Logistik auf dem Fluss steht vor einem drohenden Stillstand. Der Verband der Binnenschifffahrt sieht das Risiko einer kompletten Unterbrechung der Schifffahrtsroute. Ein Ausfall der Durchfahrt bei Kaub spaltet die wichtigste Wasserstraße des Landes effektiv in zwei Abschnitte. Der Warenverkehr aus den großen Nordseehäfen erreicht dann nur noch das Rheinland. Südliche Regionen müssen auf andere Flusswege wie den Main oder den Neckar ausweichen. Viele Betriebe suchen nach Alternativen auf der Schiene oder auf der Straße. Ein großes Binnenschiff ersetzt jedoch bis zu 150 Fahrten mit dem Lastwagen. Der plötzliche Wechsel auf die Straße führt zu vollen Autobahnen und treibt die Transportkosten stark in die Höhe. Erste Bundesländer erlauben Frachtern deshalb nun auch Fahrten an Sonntagen.
Die Folgen für die deutsche Industrie sind extrem spürbar. Die Binnenschifffahrt transportiert jedes Jahr Millionen Tonnen an wichtigen Rohstoffen. Vor allem Kohle, Eisenerz, Baustoffe und flüssige Treibstoffe gelangen über den Fluss zu den Fabriken. Besonders die Stahlherstellung, die Chemieindustrie und die Energieversorgung sind auf die Lieferungen angewiesen. Wirtschaftsforscher warnen vor spürbaren Rückgängen bei der gesamten Produktion im Land. Ein langanhaltendes Niedrigwasser im Rhein kostet die deutsche Wirtschaft bis zu zwei Milliarden Euro im laufenden Quartal. Das ohnehin sehr schwache Wirtschaftswachstum für dieses Jahr könnte durch die Krise auf dem Fluss vollständig wegfallen.
Wissenschaftler betrachten die aktuellen Probleme nicht mehr als eine seltene Ausnahme. Die Sommer in Europa werden durch den Klimawandel immer heißer und trockener. Es handelt sich bereits um die dritte schwere Krise auf dem Fluss innerhalb von acht Jahren. In den vergangenen Jahrzehnten brachte die Schneeschmelze aus den Alpen im Sommer stets reichlich Wasser in den Flusslauf. Da die Gletscher in den Bergen immer weiter schrumpfen, fällt dieser wichtige Wasserspeicher heute weitgehend aus. Niedrigwasser im Rhein zeigt somit die direkten Gefahren des Klimawandels für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

